Flurfunk


Was man aus dem Büro von Torsten Siever hört ...
(Dienstliche Mitteilungen wie Sprechzeiten oder Notenspiegel werden übrigens unter Stud.IP abgelegt.)


Sprachkuriositäten aus dem Alltag: Huhn oder Ei?

Der Slogan einer deutschen Hochschule besagt, dass an dieser "über 4.500 Studierende mit ihren 113 Professorinnen und Professoren an der Zukunft [arbeiten]". Das Konzept ist klar, aber semantisch nicht unproblemtatisch: Oder gehen in Hannover rund 12.000
Hunde mit ihren Herrchen und Frauchen Gassi?

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Mepfel oder Sendi?

Was würden wir Linguisten doch nur ohne unsere Produktwelt machen! Wir würden für Wortkreuzungen noch heute das viel zitierte - und dann auch noch entlehnte - "Smog" anführen. Oder das betagte "Kurlaub" (wer bekommt den heute noch?!). Zum Glück gibt es die Produktvielfalt, für die es Namen zu vergeben gilt. Und wenn die Aufgabe dann einer/m ehemaligen Linguistikstudentin/en zukommt, erinnert er oder sie sich vielleicht zurück ans Studium und verschafft uns neue Belege.

Blukkoli oder Olivonnaise hieß es mal vereinzelt beim Einzelhändler, doch nun wurde eine ganze Produktreihe cremiger Brotaufstriche mit Wortkreuzungsprodukten benannt: "streich's drauf" (schon das ist eine Fundgrube für Sprachinteressierte) gibt es in den Sorten Basitom, Bruschesto, Mepfel, Papucchini, Sendi, Tomesan, Arrabitom und Papayango.

Während Basitom noch einfach aufzuschlüsseln ist, muss man bei Mepfel schon nachdenken: Me ist der Anfang vom Meerrettich, und ngo bei Papayango das Ende der Mango und di in Sendi der Anfang eines besonderen Gewürzes mit vier Buchstaben. Und Tomesan? Eine Salbe? Auch cremig, besteht aber aus Tomate und Parmesan. Richtig aus der Reihe fällt allein Arrabitom; hier werden nicht zwei Hauptzutaten, sondern eine Zutat und ein Adjektiv miteinander gekreuzt (arrabiata = ital. für 'scharf'). Im Sinne echter Reihenbildung wäre es also linguistisch folgerichtiger gewesen, von Peperronate oder Tomroncini zu sprechen.

Egal, endlich wieder neue Beispiele. :) Sie haben eine Benennung noch nicht entschlüsseln können? Unten gibt es den Link mit den Auflösungen. mehr


Dear all, Ute!

E-Mails sind eine prima Erfindung. Zwar konnte man in Word & Co. ebenfalls Rundschreiben erstellen, doch derart komfortabel und vor allem so simpel wie in E-Mails wird der Vielversand wohl niemals funktionieren.

Was einfach ist, wird entsprechend oft genutzt. Mit der Zunahme der Rundmails geht allerdings auch die der komplexen Anreden einher: "Lieber Herr Schnippelmeier, sehr geehrte Frau Müller, lieber Uwe, ..." Die vom Brief bekannte Alternative "Sehr geehrte Damen und Herren" ist unbrauchbar, da E-Mails zahlreich und schnell verschickt werden und der E-Mail-Stil ein anderer ist, und so muss was Neues her. Es wurde auch schon gefunden, und zwar in der englischen Sprache, woraus ein übersetztes "Liebe alle" wurde. Interessanterweise wurde selbst die Kleinschreibung übernommen.

Um die Komplexität in Grenzen zu halten, wird bereits ab zwei adressierten Personen die ökonomische Anrede verwendet, was zu der Überlegung führt, ob man in dieser Folge nicht gleich auch die E-Mail-Vorlage entsprechend ändern könnte. Allerdings werden E-Mails ja immer auch noch an Einzelpersonen versendet, was die empirisch zu lösende Frage aufwerfen könnte, ob mehr Sendungen an Einzel- oder mehr an mehrere Personen gehen. Unnötig: Selbst wenn nur an eine Person adressiert, wird die E-Mail an "alle" (Empfänger) verschickt.

Prima Erfindung, prima Lösung.

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Gibt's, kann's, nicht's

"Überlassen Sie nicht's dem Zufall" - soweit die Headline eines aktuellen Werbemittels der Sparkasse. Klitisierungen wie in "gibt's" gibt's schon länger. Auch das apostrophierte Genitiv-s hinter Vornamen ist inzwischen sogar rechtschreibkonform: Uwe's Imbiss.

Aber "nicht's"? Aber warum denn auch nicht? Schließlich gibt es neben "nichts" auch "nicht"! Doch was beinhaltet dann eigentlich das "s" in "nichts"? Nichts, eben. Aber es liegt ein identischer Wortausgang vor, womit analoge Apostrophierung schon einen Sinn ergibt. Also, quo vadi's? Wir hätten da noch recht's, stet's, bereit's und das Abseit's. Das ist zwar noch jenseit's der Rechtschreibnorm. Aber es gibt nicht's, was es nich't gib't.


VDS ist Sprachpanscher des Jahres

Der Verein Deutsche Sprache (VDS) hat also wieder einen Schurken gefunden. Telekom-Chef René Obermann ist mit dem anrüchigen Preis des „Sprachpanschers des Jahres“ ausgezeichnet worden. Die Tarifbenennungen und Seiten der Telekom im Internet seien „eine Schocktherapie im Horrorkabinett der deutschen Sprache“, so der Verein.

Also schon wieder die Deutsche Telekom. Hat René Obermann von der einstigen Auszeichnung Ron Sommers nichts gelernt? Dass es die Telekom aber wieder einmal trifft, ist nicht nur hausgemacht: Das Unternehmen ist in der Telekommunikationsbranche tätig, wo Begriffe wie „Smartphones“ und „Apps“ nicht einfach nur Benennungen sind. Sie sind Ausdruck von Technologie, Fortschritt, Trends – sorry: Entwicklungstendenzen. Natürlich könnte die Telekom auf ihren Internetseiten „schneidige funktionstüchtige Telefone“ anpreisen, für die in einem speziellen „Anwendungskaufladen“ mehrere Tausend Anwendungen (kurz vielleicht „Anwis“?) zur Verfügung stehen. Das schafft neue Käuferschichten, die mit „Store“ und schon gar nichts mit Kurzwörtern wie „App“ etwas anfangen können, und ist sprachpolitisch voll korrekt. Man könnte zwar einwenden, dass die Telekom konkurrenzbedingt schon genug Probleme mit Kunden hat, aber dann kommt es auf ein weiteres auch nicht mehr an.

Ja gut, die Begründung von Pressesprecher Christian Fischer für den Einsatz von Anglizismen wie „App“ und „Smartphone“ ist zugegebenermaßen nicht die Beste: „Es ergibt für uns keinen Sinn, etwa an Flughäfen mit internationalem Publikum, dort ein Mobilfunk-Angebot mit einem deutschen Produkt-Namen zu bewerben.“?! Wie sollen zwischengelandete Fluggäste denn einen Mobilfunkvertrag bei der Deutschen Telekom abschließen können, wenn die Tarife nicht in englischer Sprache verfasst sind?

Aber halt: „Eine Schocktherapie im Horrorkabinett der deutschen Sprache“? Lieber Verein: „Schock“ ist doch englischsprachiger Herkunft! Und auch „Horror“ kam doch über den Umweg des Englischen zu uns. „Therapie“ ist übrigens auch nicht „Deutsch“ (entlehnt aus dem Griechischen) und "Kabinett" klingt doch ziemlich französisch. Damit hätten wir auch schon den nächsten Sprachpanscher des Jahres. mehr

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